Gelesen:
Anna Katharina Hahn
„Das Kleid meiner Mutter“

Reingeschnupert und mich sofort fesseln lassen. Faszinierend die Art, wie Hahn Einblicke in das Leben von Spaniens Jugend gibt: eine lost Generation, junge Frauen und Männer, die nach ihrem Studium keine Arbeitsstelle in dem Bereich finden, den sie studiert haben und deshalb als Kellner, als Babysitterin oder sonstwas arbeiten. Die immer noch in ihren Kinderzimmern wohnen, weil sie zu wenig verdienen, um eine eigene Existenz gründen und sich eine Wohnung leisten zu können. Sich aus Langeweile gar nicht langweilige Geschichten erzählen, jeder ist mal dran.

Die Geschichte: Die Eltern von Ana Maria, der Protagonistin, kommen eines Samstags krank von einem Spaziergang nach Hause, legen sich ins Bett; wenige Stunden später sind sie tot. Ana Maria steckt sie in Sonntagskleider und setzt sie in Sessel.

Sie schlüpft in ein Kleid ihrer Mutter und nimmt deren Identität an.

Schritt für Schritt taucht sie in das Leben der Mutter ein, entdeckt, dass diese, um finanziell über die Runden zu kommen, allerlei schräge Jobs angenommen und auch als Aktmodell gearbeitet hat. Dass sie offenbar einen Liebhaber hatte.

Eine der besten Szenen im Roman: die Beschreibung eines Künstlers, der Frauen wie Ana Marias Mutter für seine Actionkunst quasi missbraucht, indem er sie einander mit Apfelsinen bewerfen lässt.

Ana Maria verschweigt den Tod ihrer Eltern. Jedesmal, wenn sie ins Schlafzimmer kommt, sind die Eltern ein Stück kleiner als bisher, bis sie auf Puppengröße geschrumpft sind.

So weit so gut. Man folgt der Autorin bereitwillig, schmunzelt, lacht, staunt, nimmt das Skurrile hin, ist gespannt, wohin sie die Leserin wohl mitnehmen und ob die Story am Ende irgendwie rund werden wird.

Das tut sie leider nicht. Die Geschichte kippt. Plötzlich wird einseitig auf den Liebhaber der Mutter fokussiert, einen mysteriösen Autor, Gert de Ruit. Anna Katharina Hahn stellt ihn ins Zentrum, lässt ihn immer gewichtiger werden, ihn immer mehr Raum einnehmen, alles dreht sich schließlich um ihn, wohingegen alle Erzählfäden, die so vielversprechend angefangen haben, sich schließlich auf der grünen Wiese verlieren. Es ist, als hätte die Autorin die Lust an ihnen verloren. Sie lässt ihre Leser im Regen stehen, keiner der anfänglichen Spannungsbögen wird durchgehalten: Der plötzliche Tod beider Eltern – warum? Motive wie das Schrumpfen und schließliche Verschwinden der Eltern – warum? Die neue Identität der Tochter im Kleid der Mutter – hätte man das nicht weiterspinnen können? Was braucht es da diesen langweiligen Schriftsteller, der sich, wie am Ende herauskommt, nach seinem Geburtsort Ruit auf den Fildern, Gert de Ruit nennt? (Das Provinzielle lässt einen schon wieder grinsen).

Was so schwungvoll und flüssig daherkam, verliert an Schwung, wird langweilig, entgleist – wohin?

Die Motive um Gert de Ruit sind eins absurder und weiter hergeholt als das andere. Man fühlt sich zuweilen wie in einem Irrgarten.

Mir kam es vor, als bräche die Geschichte mitten im Buch auseinander und in zwei Teile. Was mit so viel Lust anfing, endete für mich in purer Enttäuschung.

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