Corona-Tagebuch, 30. und 31. Mai 2020

Und dann kommt das: In Minneapolis, Minnesota, wird der schwarze US-Bürger George Floyd infolge eines Bagatell-Vergehens festgenommen und von einem weißen Polizisten derart drangsaliert, dass er wenig später an den Folgen stirbt. Eine Passantin filmt den unglaublichen Vorgang, das millionenfach geschaut wird und Proteste auslöst, wie sie Amerika seit den Unruhen in den 1960er Jahren nicht mehr gesehen hat. Zum ersten Mal seit Mitte März geschieht etwas, das sich gegenüber Corona in den Vordergrund drängt; angesichts der Empörung spielt die Epidemie, die in den USA noch in vollem Gang ist, mit einem Mal nur noch eine Nebenrolle.
Ich traue mich zuerst nicht, das Video, das live zeigt, wie ein Mensch in quälend langen 10 Minuten von einem Polizisten kaltblütig ermordet wird, anzuschauen. Und dann doch. Auf Facebook schreibe ich:
Ich habe mir das Video nun doch angeschaut. Es war gut, dass ich es mir angeschaut habe.
Ich verstehe jetzt, warum niemand dazwischen gegangen ist und versucht hat, George Floyd zu Hilfe zu kommen.
Ich hätte es auch nicht getan. 
Ich hoffe, ich hätte ebenso wie Darnella Frazier die Zivilcourage und die Geistesgegenwart besessen, den Mord wenigstens zu filmen.
Ich bin froh, dass Darnella Frazier dieses Video gemacht hat.
Ich bin froh, dass man das Video nicht teilen kann.
Ich bin froh, dass George Floyd nach ungefähr drei Minuten bewusstlos geworden ist.
Ich hoffe, dass er keine Schmerzen mehr hatte.
Ich hoffe, dass auch die drei anderen Polizisten in Haft kommen, insbesondere derjenige, der seinen drangsalierenden Kollegen von den Passanten abgeschirmt hat. Das war Beihilfe zum Mord.
Ich hoffe, dass es in Amerika keine Toten gibt. 
Ich hoffe, dass es in Amerika keine Ruhe gibt.

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